Bevor es in meinen Ausführungen nur um Fach-Chinesisch geht: Suwari-waza bedeutet, dass sich beide Partner während der Technikausführung im Kniestand befinden. Wer sich darunter gar nichts vorstellen kann, findet hier ein beispielhaftes Video bei Youtube

Wenn ich als Lehrer am Anfang einer Stunde vor einer Aikidogruppe sitze, so ist meine Standardfrage am Anfang, ob jemand Wünsche für das folgende Training hat. Hat sich so eingebürgert, ich fänd es nämlich schade, wenn einem Schüler gerade Gedanken zu einer Technik durch den Kopf gehen und er nicht dazu kommt diese zu üben. Nur weil der Lehrer vorne mit seinen Gedanken ganz woanders ist. Manchmal kommt es natürlich vor, dass die Wünsche verschiedener Teilnehmer nicht kompatibel zueinander sind :-). Aber so können die Vorstellungen für das kommende Training zumindest mal am Anfang auf den Tisch bzw. die Matte gelegt werden.

Vor einiger Zeit antwortete ein Gast in unserem Dojo auf meine Eingangsfrage nach Wünschen mit „Suwari-waza“, dann gefolgt von einem „Ach nee, das gibts bei euch ja nicht!“. Mit „euch“ meinte er  unseren Verband, also den Deutschen Aikido-Bund (DAB). Ich antwortete knapp, dass Suwari-waza bei uns wirklich nur sehr spärlich vorkommt und ignorierte den Wunsch für das Training. Doch die nächsten Tage dachte ich immer darüber nach, warum wir das eigentlich so sehr vernachlässigen. Und auch, ob wir das nicht ändern und ein wenig mehr Fokus auf diesen eher spärlich trainierten Bereich legen sollten. Meine Meinung stand nach einigen Gedankenschleifen fest: Nein, ich möchte das nicht ändern! Und weshalb ich mir sehr in dieser Sache so sicher bin, möchte ich hier kurz niederschreiben.

Ich beginne mit einem oft gehörten Satz von unserem Bundestrainer und meinem früheren Meister Alfred Heymann (8. Dan): „Die Prüfungsordnung ist nur ein Ausschnitt aus der großen Welt des Aikido.“ Dabei stimme ich ihm zu 100% zu. Man darf und soll also Dinge trainieren, auch wenn sie nicht in Gürtelprüfungen verlangt werden. Ich bin aber mit der Prüfungsordnung des DAB recht zufrieden, denn sie ist führt in den meisten Fällen zu einer guten Didaktik, d.h. die Techniken werden von leicht nach schwer vermittelt, sie bauen logisch aufeinander auf und die Herausforderungen steigen im Laufe der Aikidogradentwicklung. Auf den 2. Dan gibt es dann auch die 2. Kata, bei der die 5 Bodenhaltetechniken mit beiden Partnern im Kniestand ausgeführt werden. Dies ist das einzige Prüfungsfach des Suwari-waza.

Nun repräsentiert die Auftretenshäufigkeit einer Übung im Prüfungsprogramm ja nicht automatisch deren Wichtigkeit. Ich darf mir also Gedanken machen, ob ich nicht weitere Übungen aus diesem Bereich dazu nehme. Andere Verbände führen tatsächlich viel mehr Übungen im Sitzen aus. Aber meine Zeit als Aikidolehrer auf der Matte ist begrenzt, die 90 Minuten Trainingszeit sind jedes Mal viel schneller vorbei als gedacht. D.h. ich muss den Trainingsinhalt zwangsläufig fokussieren. Und Fokussieren heißt nichts anderes als weglassen. Übrig bleibt, was mir wirklich wichtig erscheint. Und dafür ist es essenziell, dass ich mir über das Trainingsziel im Klaren bin (wer kein Ziel hat, für den sehen alle Wege richtig aus). Und mein Ziel als Kampfkunsttrainer auf der Matte lautet: praktikable Techniken zu lehren, die trotzdem den friedlichen Geist des Aikidos beinhalten!

Ich kann für mich die einzelnen Übungen, die in meinem Training vorkommen in drei Kategorien einteilen:

  1. Prüfungstechniken: Da es für die meisten Aikidoka wichtig ist, irgendwann die nächste Gürtelprüfung abzulegen, bestimmen die Prüfungsinhalte natürlich auch das Training. Da sind systembedingt auch Techniken dabei, die mir persönlich nicht liegen oder deren Praktikabilität ich offen hinterfrage - insbesondere diverse im DAB übliche Kokyu-nage-formen :-)
  2. Methodische Übungen: In bestimmten Situationen kann man besondere Übungsformen ins Training einfügen. So hab ich z.B. auch schon mal einen Kote-hineri rückwärts trainieren lassen (d.h. man sollte einen auf dem Boden liegenden Partner mit Hilfe dieser Technik zum Aufstehen bewegen). Der Lerneffekt ist hier das Steuern des Partners durch den Kote-hineri in eine beliebige Richtung, sofern denn der Hebel sitzt. Oder ich hab einen Shiho-nage ausführen lassen, bei dem der Nage nur einen Arm benutzen und nicht greifen darf. Die Idee war hier, dass besonderer Wert auf die Zentrumsdrehung und die korrekte Fußstellung gelegt wurde. Immer, wenn ich solche „abgedrehten“ Übungen trainieren lasse, habe ich ein ganz bestimmtes Etappenziel im Auge. Ich will einzelne Technikelemente verbessern und hoffe, dass eine solch komische Übung dabei hilft.
  3. Nützliche Techniken außerhalb des Prüfungsprogramms: Hier beginnt die große Spielwiese des Aikido mit sehr geilen Techniken, deren Auswahl äußerst subjektiv ist. Tritte kommen z.B. im Prüfungsprogramm des DAB gar nicht vor – bei uns sind sie trotzdem Bestandteil des Trainings. Auch wird in den Prüfungssituationen der Fauststoß „Shomen-tsuki“ zum Bauch geboxt (chudan), ich bevorzuge den Stoß zur Nase (jodan). Und dann wären da noch die von mir so genannten „Schweineformen“, also Technikvarianten jeder Coleur, die ich als ausgesprochen praktisch und/oder spaßig betrachte, die so aber nicht in Prüfungen verlangt werden.

Zurück zum Suwari-waza. Die Bodenhaltetechniken im Kniestand sind Bestandteil des Prüfungsprogramms und müssen daher (zumindest von angehenden 2. Danen) trainiert werden. Ist gesetzt, weil Kategorie 1! Darüber hinaus gehende Formen (z.B. Wurftechniken) sind denkbar und werden in anderen Verbänden gelehrt. Sie gehören aber nicht in Kategorie 3. Es gibt keine ernst gemeinten Situationen, bei denen irgendein Aikidoka zufällig elegant auf den Knien rumrobbt – diese Annahme wäre nun wirklich völlig realitätsfremd.


Das Training solcher Formen ergibt also nur dann Sinn, wenn ich sie zu Kategorie 2 zuordnen kann. Und hier haperts jetzt bei mir. Ich hab noch nicht verstanden, welchen Lerneffekt es haben soll, z.B. einen Shiho-nage in Suwari-Waza auszuführen. Worauf will ich als Lehrer hinaus, wenn ich meinen Schülern eine solche Technik zeige? Was sollen sie anhand dieser Übung verbessern? So lange ich auf diese Frage keine Antwort habe, kann ich diese Trainingsform nicht gebrauchen. Mir fällt nichts ein, was ich dort viel besser lernen könnte, als bei Techniken im Stand.

Andere Aikidoverbände widmen sich viel ausgiebiger den Suwari-waza Übungsform und fangen auch teilweise sehr früh (also im Anfängertraining) damit an. Sie mögen ihre Gründe dafür haben und ich höre sie mir gerne an, falls jemand zu diesem Thema mit mir diskutieren möchte :-) Fokussieren heißt weglassen – ich werde Suwari-waza weglassen, solange mir der Sinn dieser Übungen nicht eingeht.

Autor: Patrick David